Fahrgastbeirat
Aachen
Fahrgäste fordern Ende von Flickenteppich bei Zusatzangeboten zum Deutschlandticket
Bundesweites Netzwerk Fahrgastbeiräte richtet Appell an Bund, Länder und Verkehrsverbünde
14.10.2026
Fahrgastvertreter aus ganz Deutschland fordern, die Zusatzangebote zum Deutschlandticket zu vereinfachen. Bund, Länder und die Verkehrsverbünde müssten dringend bundesweit einheitliche Begriffsdefinitionen von Tarifbedingungen aufstellen, etwa für die Mitnahme von Fahrrädern. Diese Forderung haben die Mitglieder des Netzwerks Fahrgastbeiräte bei ihrem Bundestreffen in Aachen erhoben. „Das Ziel muss eine einheitliche Produktpalette sein, um den großen Erfolg des Deutschlandtickets nicht länger unnötig durch den unüberschaubaren Flickenteppich von Regeln zu bremsen“, erklärt Moritz Weber, Sprecher im Aachener Fahrgastbeirat und Arbeitsgruppen-Moderator des Netzwerks.
Bisher regional stark unterschiedliche Deutschlandticket-Regeln
Das bundesweit einheitliche Deutschlandticket wird bisher regional mit sehr unterschiedlichen Zusatzangeboten verknüpft. Mancherorts ist beispielsweise die Fahrradmitnahme kostenfrei, anderswo müssen dafür separate Zusatztickets erworben werden. Ziel muss nach Einschätzung der Beiräte eine deutschlandweit einheitliche Produktpalette sein, etwa für Upgrades in die 1. Klasse, die Mitnahme weiterer Personen, von Fahrrädern oder Hunden. Anstelle der aktuell regional unterschiedlichen Regeln des Deutschlandticket für bestimmte Zielgruppen empfiehlt das Netzwerk die Einführung eines bundesweit einheitlichen, altersbasierten Tarifs als Ersatz für die aktuellen Schüler-, Studierenden-, Azubi- und Seniorentickets. Außerdem wirbt das Netzwerk dafür, für alle Grenzregionen passende Erweiterungsangebote zu entwickeln und anzubieten, sodass weiterhin bestehende Tarifgrenzen sukzessive reduziert werden können.
Im Netzwerk Fahrgastbeiräte tauschen sich seit 2015 die ehrenamtlichen Mitwirkenden aus Fahrgastbeiräten aus ganz Deutschland aus. Die Geschäftsstelle wird von der städtischen Nahverkehrsgesellschaft traffiQ in Frankfurt am Main gestellt.
Rund 50 Vertreterinnen und Vertreter von 32 Fahrgastbeiräten hatten sich am 9. und 10. Oktober zur Jahrestagung in Aachen und damit zum ersten Mal in Nordrhein-Westfalen getroffen. Veranstalter war der Fahrgastbeirat der Stadt zusammen mit der Stadt Aachen. Der Schwerpunkt der Tagung mit dem Titel „Grenzen überwinden“ zielte auf die durch die Grenzlage im Dreiländereck von Belgien, Deutschland und den Niederlanden vorhandenen Herausforderungen ab.
Toilette für Busse: Ersatzverkehre müssen komfortabler werden
Bei Ersatzverkehren während notwendiger Bauarbeiten, wie derzeit beispielsweise der Korridorsanierung der Deutschen Bahn auf der ICE-Strecke Berlin–Hannover, fordern die Fahrgastvertreter bessere Informationen und durchgängige Wegeleitung zu Haltestellen des Ersatzverkehrs, bessere Schulung des Fahrpersonals sowie eine einheitliche Ausstattung der eingesetzten Busse. Auf längeren Strecken müssten auch Toiletten zur Verfügung gestellt und generell die Fahrradmitnahme in Bussen ermöglicht werden. „Der beste Ersatzverkehr ist der, der nicht gebraucht wird“, erklärt Arbeitsgruppen-Moderator Harald Voß vom Kundenbeirat der S-Bahn Berlin. „Aber wenn er nötig ist, dann sollte er gewisse Mindeststandards einhalten, und nicht dazu führen, dass sich Fahrgäste vom System ÖPNV völlig abwenden. Gerade, wenn sich gewohnte Verbindungen plötzlich ändern, sollten Fahrgäste mit einer klaren, übersichtlichen Wegeführung zu ihrem Ziel geführt und nicht mit fehlender Fahrgastinformation alleine gelassen werden.“
Für insbesondere ländlichere Regionen sieht das Netzwerk große Chancen für eine Angebotsverbesserung durch den Einsatz autonomer Busse. Aus Fahrgastsicht ist dabei jedoch besonders wichtig, das Sicherheitsempfinden im Blick zu behalten, und Lösungen zu finden, wie das bisher durch das Bus-Fahrpersonal erfüllte Informationsbedürfnis auf andere Weise in Echtzeit erfüllt werden kann.
Herausforderungen beim ÖPNV über Staatsgrenzen hinweg
In Vorträgen wurde den Fahrgastvertretern während ihres Treffens dargestellt, wie herausfordernd und komplex die ÖPNV-Planungen werden, wenn mehrere Staaten einbezogen sind. Thomas Clemens, Business Development Manager bei Arriva Nederland, stellte dabei das Projekt des Dreiländerzugs „Drielandentrein“ und damit einhergehende Herausforderungen in der Umsetzung vor, welche von verschiedenen nationalen Aufgabenträgerstrukturen über Strom- und Zugsicherungssysteme bis hin zu Tariffragen reichen. Eine wichtige Erkenntnis aus der Arbeitspraxis bildete vor allem das Herstellen von Vertrauen, um das internationale Projekt trotz verschiedener sprachlicher oder auch kultureller Unterschiede erfolgreich zur Umsetzung und den Zug in den produktiven Einsatz zu bringen. Weitere Fachvorträge hielten Dr. Kathrin Driessen vom Aachener Verkehrsunternehmen ASEAG und Hanna Kroll vom Aachener Verkehrsverbund (AVV) zur Planung und Koordination von Mobilität innerhalb der Dreiländerregion „Euregio Rhein-Maas“.
David van Looy, ÖPNV-Planer der Darmstädter HEAG mobilo mit belgischem Hintergrund und reichlich Berufserfahrung über die Grenzen hinweg, gab einen Einblick in die herausfordernde ÖPNV-Welt in Belgien mit mehreren Sprachen und regionalem Kirchturmdenken und zog einen Vergleich mit der Situation in Deutschland. Für die RWTH Aachen referierte Professor Dr. Christian Schindler vom Institut für Schienenfahrzeuge über das Forschungsprojekt Aachener Rail Shuttle. Das Projektziel ist ein Betrieb mit kleineren, kostengünstigeren und batterieelektrischen Fahrzeugen auf vorhandenen oder zu reaktivierenden Strecken auch in dünn besiedelten Gebieten.
Grenzen müssen abgebaut werden – bei Tarifen und Angeboten
Das Rahmenprogramm startete am Freitagnachmittag, 9. Oktober, mit einer Bustour durch Aachen. Dabei besichtigten die Gäste den Betriebshof der ASEAG und schauten sich im Campus Melaten, einem großen Hochschulgebiet in Aachen, um. Am Sonntag, 11. Oktober, folgte noch ein Ausflug in die belgische Stadt Lüttich. Dort ist im April 2025 eine neue Stadtbahn in Betrieb genommen worden, mit der die Teilnehmenden auch gefahren sind.
„Mit der Tagung konnten wir spezifische Herausforderungen der Grenzregion Euregio Rhein-Maas beleuchten sowie vielversprechende Lösungsansätze aus der Forschung und unseren Nachbarländern aufzeigen. Wir haben uns sehr über das rege Interesse gefreut, insbesondere über das wichtige Signal zum Deutschlandticket. Es bestärkt uns darin, Grenzen weiter abzubauen: sei es bei ÖPNV-Tarifen, im Verkehrsangebote oder bei Zuständigkeiten“, sagt Julius Vieth vom Aachener Fahrgastbeirat.
Nächstes Treffen 2027 im Rhein-Main-Gebiet
Dr. Kristine Schaal, Mitglied im Sprecherteam des Fahrgastbeirat Frankfurt und Teil des fünfköpfigen Netzwerk-Organisationsteams, ergänzt: „Ein wichtiges Anliegen der Tagungen in den vergangenen Jahren war stets der Austausch darüber, wie die verschiedenen, aber dennoch oft ähnlichen Probleme vor Ort angegangen werden. An dieses Erfolgsrezept knüpfte Aachen an. Mit dem Blick auf Verkehrsangebote über die Grenzen Deutschlands hinaus, sowie auf innovative Beispiele aus der aktuellen Forschung hat das Tagungsangebot einen Nerv getroffen, das zeigt allein schon die Zahl von über 50 Teilnehmenden.“
Personelle Änderungen gab es beim Organisationsteam des Netzwerks: Lukas Pein, Sprecher im Fahrgastbeirat der Saarbahn, ist in die Steuerungsgruppe aufgerückt. Er ersetzt dort Thomas Meschke, Fahrgastbeirat der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft (RSVG), dem das Organisationsteam für seine großartige Unterstützung dankt.
Die nächste Tagung des bundesweiten Netzwerks der Fahrgastbeiräte findet im Herbst 2027 im Rhein-Main-Gebiet statt und wird vom Rhein-Main-Verkehrsverbund und dessen Fahrgastbeirat ausgerichtet.
Weitere Informationen zum Netzwerk Fahrgastbeiräte: www.fahrgastbeiräte.deopen_in_new